Das Aus noch vor dem Rennen

„Dann fahr doch noch 'ne Runde.“ Der Satz von Johannes an mich war der Anfang. So beginnen Tragödien von epischem Ausmaß. So haben wahrscheinlich schon Kriege begonnen und so nahm denn Gestern das Drama seinen Lauf. „Ah ha... ein Rennbericht noch vor dem Rennen?“ fragt der geneigte Leser und befürchtet zu Recht schlimmeres. Dies wird kein Rennbericht im eigentlichen Sinne, eher eine Art Zustandsbeschreibung eines angekratzten Selbstbewusstseins.


Test- und Einstellfahrt, Freitag der 11.05. Ich gehe raus und schaue mir erstmal die Strecke an. Alles ok, nur das Fahrwerk ist irgendwie Murks. Die Reifen sind auch nicht mehr die besten, aber das kennen wir ja, die haben schliesslich ein komplettes Rennwochenende runter. Kein Problem, 'schbin Rallyefahrer, 'schpass mich an. Hab' ich auch. Dann folgten zwei Touri-Runden mit Gästen und man macht das, was man nunmal macht: ein bischen unsauberer fahren, ein bischen spektakulärer als sonst, Show machen. Macht auch Spass. Die beiden Gäste sind jedenfalls grinsend ausgestigen. Eigentlich wollte ich dann auch raus und Mick sollte übernehmen doch es folgte der schicksalsträchtige Satz. Und dann bin ich eben nochmal raus. Beim rausfahren aus der Boxengasse dachte ich so bei mir „na, dann lassen wir es doch nochmal richtig laufen.“ Scheissidee, wirklich. Es war eine geile Runde, bis in den Pflanzgarten. Die Zwischenzeit bei km 11 hat davon gekündet, dass ich 8 Sekunden gefunden hatte. Ich war also auf dem Weg zu meiner ersten 10:3x. Bis dahin alles easy und alles im grünen Bereich. Im Wippermann hab' ich mich ein wenig vertan und 1-2 Sekunden liegenlassen. „Jetzt musst Du beissen, sonst ist die Runde hinüber.“ Brünnchen geht nicht mehr, Eiskurve ist auch Max. Es folgt... richtig: der Pflanzgarten. Ich hab' nach dem ersten Sprung gebremst, bin in die Rechts, schalte in den 4. zurück und überlege die Links etwas weiter aussen anzufahren um das Auto ruhiger zu lassen. Irgendwo in dieser logischen Kette war ein Fehler. Das weiss ich jetzt. Gestern war mir das nicht klar, es wurde mir aber schnell klar. In der Links kommt das Heck. 4. Gang, fast ausgedreht. Du lenkst gegen und spürst, wie sich Dein Magen verkrampft. Bei Knapp 200 ist das Gefühl immer Scheisse, wenn die Kiste querkommt. Mag sein, dass Walter Röhrl auch bei 200-quer grinst, ich bin aber ganz sicher nicht der Meister himself. Ganz vorsichtig... jetzt blos nicht überlenken, sonst kommt der Konter. Der Konter kam und er war stärker und schneller als ich. In dem Moment geht der Fuss vom Gas und Du knallst auf die Bremse das es fasst das Pedal verbiegt. Genau das ist die einzige Fahrsituation in der Du dann ein ABS verfluchst! Könnte ich jetzt alle Viere stehenlassen, dann würde ich gerade (oder physikalisch richtiger in der Tangente meiner momentan gefahreren Kurve) weiter die Strecke langrutschen. Nix Planke. Aber ich kann eben nicht, ich hab' ja ABS und so starrst Du gebannt auf dieses hässliche Blech. In dem Moment geht mir durch den Kopf „Es muss so an die 10 Jahre her sein, dass ich zum letzten Mal 'ne Leitplanke getroffen hab'. Ich hoffe, es geht nicht soviel kapputt.“ Tja. Grosse Dichter haben uns schon in Meisterwerken der Literatur schlüssig bewiesen, dass Hoffnungen trügerisch sein können und auch sind. Diese war es. Ich bin eingeschlagen. Vorne Links. Die Radaufhängung hat die meiste Energie aufgenommen. Es scheint, als sei dadurch weniger Schaden an der Karosse entstanden, aber das müssen die Jungs erstmal zuhause und im Detail betrachten. Fakt ist, er ist putt. Und ich Idiot war's. Beim fahren um die berühmte „goldene Ananas“ schmeisse ich die Kiste weg. Ohne Feindeinwirkung, ohne Defekt am Auto. Das Lieblingsbuch des Rennfahrers „Das Buch der 1.000 Ausreden“ kann heute zu bleiben. Ich war's. Ich habe den Fehler gemacht den ich immer versuche Motorradneulingen zu beschreiben wenn die mich fragen ob Moppetfahren gefährlich ist oder nicht. Mein Standardsatz lautet: „Gefährlich wird es dann, wenn in Dir das Gefühl aufkommt, dass Du kugelsicher bist. Dann gibt es nur eins: sofort anhalten, Kippe rauchen (Nichtraucher sind in manchen Situationen einfach benachteiligt, entschuldigt!) und sofort und auf kürzestem Wege vorsichtig heimfahren und das Moppet für den Tag stehenlassen.“ Und genauso ging es mir in der Runde. Ich war kugelsicher. Und statt es zu erkennen, hatte ich einfach Spass. Ich hab' mich bei allen entschuldigt. Mick, den Jungs, dem Chef, bei meiner Frau. Morgen ist Muttertag, da weiss ich jetzt schon, dass Mama mir erstmal 'n Vortrag über die Gefahren des Rennsports halten wird. Is' klar. Ich bin 42 und hatte bis Gestern keine Ahnung, dass Rennsport gefährlich ist. Tja... wer den Schaden hat...


Aber...


...gestern ist mir etwas viel wichtigeres aufgefallen denn da gibt es ein Paar Dinge, die einfach erzählt werden müssen und die sehr, sehr viel über den Langstreckenpokal sagen. Als erstes der Posten vor dessen Füssen ich zum stehen kam (brav im Grünen übrigens), es müsste die 174 gewesen sein. Er fragt mich was ich brauche, Wasser, 'ne Zigarette, er wäre auf alles vorbereitet. Ich musste lachen! Und dafür möchte ich mich bedanken. Für das Angebot und für das Lachen. Das habe ich gebraucht! Beides!


Dann die Jungs von der DMSB Staffel, die mich aufgemuntert haben und unter Einsatz ihres Lebens meine Trümmerteile von der Strecke geholt haben. Unter Einsatz ihres Lebens deswegen, weil einige Kollegen da völlig merkbefreit dran vorbeigeballert sind, trotz Gelb geschwenkt.


Danke an die beiden vom E-Unit, die mich dann in die Parktasche bei Posten 179 geschleppt haben. Der eine der beiden hat mir noch eine Zigarette gedreht und mir angesteckt, weil ich selbst dazu zu datterig war.


Dann war da der Kollege aus der Box nebenan auf dem Derscheid Touri-Auto. Entschuldige, ich weiss Deinen Namen nichtmal, aber das werde ich nächstes Mal nachholen. Hält an und bietet mir an mich mitzunehmen in die Box. 'n zweiter Sitz war ja drin. Gesagt, getan. Ist nämlich verdammt einsam und kalt da. Besonders wenn es regnet. Die verdutzten Gesichter vom Team waren klasse, als die plötzlich entdecken „da sitzt ja noch einer drin, wo kommt denn der her“.


Dann Conni Hoffmann, der uns sofort sein Trainingsauto angeboten hat, dass wir das Rennen fahren können. Danke nochmal Conni! Wir haben abgelehnt, weil wir beide „den Langen“ noch nicht gefahren sind. Wir hätten uns im Rennen einschiessen müssen und damit wirst Du zwangsläufig im Rennen immer schneller und kommst von hinten. Sowas birgt eine gewisse Brisanz in sich. Und mir reicht es grundsätzlich ein Auto pro Wochenende zu zerstören.


Das sind die Dinge, die den Langstreckenpokal ausmachen. Die vielen guten Wünsche, die wir mittlerweile vor den Rennen bekommen. Die Posten, die uns Grüssen! Uns... im Hasenstall. Ich schick hier einfach mal stellvertretend für alle einen Gruß an Sabine Hogreve. Ich hab' Dir ja gesagt, ich fall Dir nochmal vor die Füsse. Du warst blos noch nicht da.


Und dann war da das Glas Selbstgebrannter bei der vorzeitigen Rückgabe unseres Transponders und die väterlichen, aufmunternden Worte dazu. Sowas sorgt für ein warmes Gefühl im Magen... und ich meine damit nicht den Schnapps!


Und, dann gibt es noch eine ganz, ganz besondere Geschichte. Die ist mir wichtig und die möchte ich hier erzählen. Als kleines Dankeschön für eine wundervolle Geste. Eigentlich rührt die Geschichte aus dem letzten Freitagsfahren. Dazu muss ich etwas ausholen: Meine Frau und ich haben uns durch den Rennsport kennengelernt. Sie war Rallye-Co, ich Co und Fahrer. Wir sind aber nie zusammen gefahren. Nicht im Wettbewerb jedenfalls. Allerdings schon einmal in 'nem Renner. Bei unserer Hochzeit. Unsere Hochzeitskutsche musste ein Rallyeauto sein und Reinhard Hainbach war damals so nett, mir einen Ex-Werks Manta 400 zu leihen. Ihr könnt grinsen wie ihr wollt, aber das Auto war das absolut schärfste, was ich bis dato gefahren habe. Gruppe B eben, aber halt auch im „Zeitlupen-Modus“. Es war ja Hochzeit und keine Sonderprüfung. Letztes Wochenende gab es dann die Premiere. Meine Frau und ich gemeinsam im Hasenstall. Ich habe sie über die Nordschleife gefahren und ich wusste, dass ich bei ihr mit 60% nicht anfangen brauche. Immerhin hat sie auch schon 'ne Runde neben „dem Langen“ gesessen, da liegt die Messlatte etwas höher. Es gab genau einen Fotografen, den Norbert Pauly, der das im Bild festgehalten hat und als ich ihm die Geschichte erzählt habe (eigentlich wollte ich ja blos die Bilder kaufen... aber Ihr kennt das ja mittlerweile, wenn ich einmal labere...) hat er mir geschrieben, dass er uns beiden die Bilder schenken möchte. Meine Frau und ich haben übernächste Woche nämlich Hochzeitstag. Eigentlich wollten wir in der Box gemeinsam einen Kaffee trinken, Norbert und ich. Er hatte extra auf mich gewartet, aber ich war ja damit beschäftigt Blech zu verbiegen. Daher ist es etwas untergegangen. Trotzdem möchte ich mich bedanken! Ganz, ganz herzlich! Den Kaffee lass uns bitte nachholen, dass wäre mir wichtig, denn die Bilder sind wirklich etwas besonderes für uns beide! Danke nochmal, Norbert!


Und deswegen habe ich heute schreiben müssen. Wegen dieser vielen, kleinen Geschichten drumherum. Der Langstreckenpokal ist etwas besonderes. Besser gesagt die Menschen, die ihn ausmachen, sind etwas besonderes! Ich danke Euch Allen und wünsche Euch ein gutes, knitterfreies Rennen! Bis in zwei Wochen, die Jungs haben gesagt, sie schaffen das.

NEXT EVENTS 2009

###_NEXT_EVENTS_###